Wüstenwunder
DESERT-MIRACLE
Offene Gruppe
Christoph Engen
Kontakt

Ein Heilungsweg aus
Depression und MS

 

 

 









 

 

 

Christoph Engen

  Wüstenwunder 

 

 

 

 

 

        

"Du kannst hier viel erreicht haben oder gar nichts, das ändert nichts an deinem unermesslichen Wert."
 


 

 

Zur Beachtung

 

Ich will durch mein Beispiel niemanden dazu anregen, auf sinnvolle schulmedizinische oder alternativ-medizinische Hilfe zu verzichten. Auch wäre es nicht richtig, zu glauben, in die Wüste reisen zu müssen, um unseren oft so zersplitterten, erschöpften Geist zu heilen. Ein Kraftakt ist wirklich nicht nötig. Außer man sieht keinen anderen Weg - so wie es eben bei mir der Fall war, als ich schwerkrank in die Wüste Sinai reiste.

Was ist also wirklich nötig, um geistig zu heilen und von dort ausgehend eventuell sogar eine Linderung oder Genesung von körperlichen Beschwerden zu bewirken?

Zumindest ernsthaft in Frage zu stellen, dass wir Wesen sind, die sich durch Raum, Zeit, Körper, Leiden und Tod begrenzen lassen. Und eine Öffnung oder Bereitschaft für die Erfahrung, dass wir vollkommene geistige oder spirituelle Wesen sein könnten. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis steht uns eine unerschöpfliche Fülle an Hilfe jederzeit zur Verfügung.


 

Vorwort

 

In die Wüste zu fahren war das definitiv Letzte, was ich mir jemals gewünscht hätte. Es kam mir vor, als würden alle kleinen und großen Ängste meines Lebens zusammengezurrt und verknotet werden zu einem fast unerträglich schmerzhaften Punkt von verzweifelter Abwehr. Ich wollte nicht in die Wüste! Mittlerweile kam mir mein ganzes Leben ohnehin wie die blanke Seelenwüste vor. Da brauchte ich nicht auch noch meinen MS-kranken Körper in die richtige Wüste zu transportieren

Die Idee von ein paar befreundeten Ein Kurs in Wundern - Schülern, es könnte mir gut tun, an ihrem geplanten Wüste-Sinai-Retreat teilzunehmen, empfand ich wie die reinste Bedrohung. Mein Verstand lief Amok. Das Schlimmste war nur, dass ich überhaupt keine Alternative sah. Eine Alternative war höchstens die, mir das Leben zu nehmen. Doch auch das konnte ich nicht, obwohl meine Gedanken wie unter Zwang immer wieder um alle möglichen Varianten von Selbstmord kreisten. In letzter Sekunde hielt mich immer wieder die Angst vor noch mehr Schmerzen zurück - Schmerzen für mich selbst und für die scheinbar wenigen, die mir noch nahe standen.

Die letzten Wochen vor meinem Abflug fühlten sich so an, wie wenn ich zur Hinrichtungsstätte geführt werden sollte. Hätte mich doch irgendein Lkw oder Bus totgefahren, bevor ich die Reise antrat. Oder wäre zumindest das Flugzeug abgestürzt und ich hätte meinen Fuß nie in diese Wüste setzen müssen.

Doch ich musste wohl durch diese engste Pforte meines Lebens hindurch, damit es dann endlich und entschieden weit werden konnte. Ebenso heftig wie gegen die Wüste wehrte ich mich schließlich gegen die Einsicht, dass nur ich selbst für meine Verfassung verantwortlich war, unabhängig von so genannten äußeren Gegebenheiten.

 

Das Wüstenwunder 

 

„Es geht darum, heute wirklich Gott zu begegnen“, hatte Michael eben im Zelt zu uns circa zwanzig Teilnehmern des Ein Kurs in Wundern * und Stille - Seminars gesagt.

Mittlerweile stand ich an meinen Felsen gelehnt im Schatten und blickte auf das Wüstental vor mir. Es war mein fünfter Fastentag und mein siebter Tag insgesamt in dem abgeschiedenen, von Felsen umsäumten Wüstental, irgendwo auf dem Sinai.

Ich war so geschwächt, dass ich mich kaum mehr auf den Beinen und Krücken halten konnte. Aufgrund meiner Multiplen Sklerose kannte ich derartige Steh- und Gehprobleme schon seit mehreren Jahren. Der Zustand extremer körperlicher Schwäche jetzt war allerdings sicher auch bedingt durch die ungewohnte Wüstenhitze und zusätzlich durch das Fasten.

In mir spricht eine Stimme:

„Schau in deinen Geist. Schau, wie du dein Erleben selbst kreierst. Durch dein Denken. Gib diese Gedanken Gott. Stell dir leuchtende Hände vor, die von oben her zu dir kommen, und leg dort alle deine Gedanken hinein. Alle deine Gefühle. Alle deine Wünsche. Alle deine Sorgen. Dann schau, wie du die ganze Welt erschaffst! Buchstäblich die ganze Welt der Gegensätze. Das ist ein nie enden wollender Kreislauf. Der gebiert sich von Augenblick zu Augenblick neu. Jeder Gedanke erzeugt sofort sein Gegenteil. Jede Geburt führt sofort zum Tod. Aber ihr erlebt das nicht so. Euer Geist erzeugt einen Kaugummi, durch den ihr die beiden Enden - die Geburt und den Tod – aneinanderklebt und auseinander zieht. Das nennt ihr dann euer Leben. Doch euer wirkliches Leben ist so viel mehr! So strahlend, so machtvoll und zugleich so unfassbar friedlich und heiter und ruhig  ... Komm einen Moment dorthin ... “

Ich hielt die Augen geschlossen und sah, wie meine Gedanken auf einem unendlichen, dunklen Hintergrund wellenförmig von selbst ineinander übergingen und sich permanent neu erzeugten.

Und dann waren Bhakti und Michael da. Die beiden Leiter des Seminars. In meinem Geist. Mit ihrer Hilfe hielten die Gedankenwellen an.

Ein Traum blitzte noch durch meinen Geist, den ich mit Anfang zwanzig gehabt hatte, kurz bevor ich mit einem One-way Ticket in Richtung Auroville nach Indien geflogen war. In dem Traum war ich auf einer lang gestreckten Brücke ohne sichtbares Ende gewesen. Die Brücke war über undurchdringliche Finsternis gespannt. Vor mir auf der Brücke kauerten Gruppen von Menschen, die allesamt Panik hatten. Es war dieser bodenlose dunkle Abgrund unter ihnen, der ihnen so Angst machte. Ich ging zum Geländer und hatte die gleiche Panik. Plötzlich wusste ich, es ging darum, von der Brücke in diese Finsternis zu springen. Meine Finger hatten sich um das Geländer gekrallt. Mir war klar, alleine würde ich das nie schaffen. Auf einmal war eine Gestalt rechts hinter mir gestanden. Dann eine zweite Gestalt links hinter mir. Ich konnte den Kopf nicht wenden, aber ich fühlte in meinem Rücken ganz deutlich zwei lichte Präsenzen. Solch eine Heiterkeit war von ihnen ausgegangen, dass all die Angst auch schon verflogen war. Dann drehte sich die linke Gestalt um sich selbst an mir vorbei über das Geländer hinweg in den Abgrund hinein. Gleich gefolgt von der zweiten, rechten Gestalt. Und schon wurde ich hinterher gesogen. Die beiden platzten buchstäblich zu Licht. Das berührte mich und schon war ich selbst Licht. Ich riss die Augen auf und fand mich in meiner kleinen Studentenbude wieder, allerdings guckte ich dort von der Zimmerdecke herunter. Darüber war ich dermaßen erschrocken, dass es mich im nächsten Moment wieder rückwärts in meinen Körper ins Bett hineingedreht hatte.

Die beiden Gestalten aus meinem Traum verbanden sich mit Bhakti und Michael. Sie waren identisch.

Wochen später bestätigte mir Michael auch in einem Telefonat, dass Bhakti und er hauptsächlich im Geist unterwegs seien. Um dort auf buchstäblich alles die Vergebung auszudehnen und ihren Nächsten ins Licht zu helfen. Mir war, als hielten die beiden still im Geist meine Hände. Eine Welle von Dankbarkeit durchflutete mich und da strahlte dieses unvergleichliche goldene Friedenslicht auf ...

Jeder Wunsch, den man je haben könnte, war darin tausendfach erfüllt.

„Da strahlt dieses unvergleichliche goldene Friedenslicht auf. Jeder Wunsch, den man je haben kann, ist darin tausendfach erfüllt ...

In diesem Moment ist alles geheilt. Auf allen Ebenen. Es ist erkannt, dass Leiden und Krankheit und Tod genau wie Geburt und Gesundheit und Leben nichts anderes sind, als Ideen - Gedanken - in unserem einen, ewig lebendigen, rundum glücklichen, strahlenden Geist. Und eben der wird erfahren. Das ist Gott.

„Und du bist es selbst, der deinem Traum erlaubt weiterzugehen, oder entscheidet, vollständig  in dem Friedenslicht zu verbleiben, in dem alle denkbaren Wünsche längst millionen-, milliarden-, trilliardenfach erfüllt sind. In Ordnung ist natürlich beides ...“




Zwei Tage zuvor war ich etwa zur gleichen Tageszeit mit steifen, starren Beinen und schwirrendem Schädel an meinen „Vergebungs“-Felsen gelehnt gestanden. Zwei Meter von meinen Füssen entfernt meine Schlafstätte – Koffer, Tasche, Isomatte und Schlafsack -. Nachdem ich schon recht lang so gestanden war, entschied ich, solange noch ein Rest Schatten an dieser Stelle war und die Sonne noch nicht um den Hügel hinter mir herumgekommen war, etwas aus meinem Koffer zu holen und mich von dort die circa vierzig Meter zum Aufenthaltszelt zu bewegen. Von dort aus konnte ich der Gluthitze des Mittags und Nachmittags zumindest vom Schatten aus begegnen. Um den Koffer zu öffnen, musste ich tief hinunter auf den Schlafsack. Dort saß ich eine zeitlang im Fersensitz und räumte im Koffer herum. Ich spürte schon, wie die Sonne allmählich meinen Rücken hochkam und es heißer und heißer wurde. „Jetzt muss ich aber los“, grummelte ich in meinen Sechstagebart hinein und versuchte aufzustehen. Ich kam nicht hoch. Meine Beine waren durch das abgewinkelte Kauern am Boden fast gefühllos, und die Sonne brannte rasch dermaßen auf meinen mit einem hellblauen Beduinentuch umwickelten Schädel, dass ich fast zusammenbrach. Mir war gesagt worden, wenn ich Hilfe bräuchte, sollte ich nur laut rufen oder pfeifen, dann würde mich schon jemand von den anderen Gruppenmitgliedern, die sich ja in der Regel hinter irgendwelchen Felsen in der Nähe aufhielten, hören. Physisch zu Hilfe kam jedenfalls keiner. Auch nicht, nachdem ich schon richtig laut gebrüllt hatte und sogar schrill dreimal das SOS-Signal gepfiffen hatte.

Aber plötzlich hörte ich deutlich Bhaktis Stimme in meinem Geist: „Geh auf die Knie“.

„Auf den Knien?“ dachte ich, „ich robb doch nicht auf den Knien durch den Sand zu dem Zelt hinüber. Da wird mir die Hose ja noch dreckiger.“ Wieder versuchte ich, auf die Füße zu kommen. Im letzten Moment, bevor ich gestanden wäre, verließ mich aber die Kraft und ich sackte zurück auf den Schafsack. Wieder hörte ich deutlich Bhaktis Stimme: „Geh auf die Knie.“ Und wieder beharrte ich darauf, mir nicht die Hose noch mehr verdrecken zu wollen. Wieder versuchte ich, in den Stand zu kommen und wieder brach ich zusammen. Noch ein drittes Mal wiederholte sich das. Und erneut hörte ich Bhaktis Stimme sagen: „Geh auf die Knie“. Die Hitze war kaum zu ertragen und ich fühlte mich so geschwächt. Etwas in mir erinnerte sich, wie ich mich trotzdem auf die Knie manövrieren konnte. Im Gegensatz zu dem vorherigen mühsamen Hochstemmen war dies durch eine einfache, leichte Kippbewegung des Beckens auszulösen. Es brauchte dann nicht mehr viel und schon stand ich sozusagen auf meinen Knien. So stakste ich dann auch drei, vier Schritte in Richtung Zelt und wieder zurück. Aufgestützt auf den Koffer gelang es mir schließlich, mich in die Aufrechte zu hieven. Fiebernd und sehr wackelig machte ich mich umgehend auf den Weg zum Zelt. Gerade noch konnte ich mich auf die nächste Matte sinken lassen. Ich hatte keine Kraft mehr, meine windschiefe Liegeposition gerade zu kriegen und war nur erleichtert, endlich im Schatten zu sein. Nicht einmal die zahllosen kleinen Fliegen, die um mein mittlerweile ganz vors Gesicht gezogenes Beduinentuch schwirrten und immer wieder an irgendeiner unbekleideten Hautstelle Plätze zum Kitzeln und Herumwuseln fanden, störten mich mehr.

Dann tauchte in meinem Geist meine Mutter Erika auf, und ich wünschte mir, sie so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit ist. Abgesehen von allen möglichen guten oder weniger guten Erinnerungen. Es war wie ein Gebet, das ich dachte: „Bitte lass mich die Mami so sehen wie sie ist.“ Und sofort wurde dieses Gebet erhört. Was für ein lichtes, leichtes, liebevolles, fröhliches Wesen ich zu sehen bekam! Ich fühlte nur noch Freude und Dankbarkeit. Das war die Erika wirklich. Rein von allen Erinnerungen.

Lang lag ich da und badete buchstäblich in dieser Sicht meiner Mutter.

 

* Ein Kurs in Wundern  ist ein spirituelles Lehrwerk zum Selbststudium. Zentral geht es darin um das Erlangen von wirklichem Frieden mittels Vergebung.


 

Der Groll

 

Was für eine furchtbare Krise hatte ich gehabt. Zuhause in München war ich schon wiederholt hoch oben an Fenstern und Treppenhausschächten gestanden, um runterzuspringen und diese abgrundtiefe Verzweiflung endlich zu beenden.

War das meine vierte akute, langdauernde Depression gewesen? Jedenfalls war es die zweite, der ich mit Psychopharmaka versuchte Herr zu werden. Und natürlich auch wieder mit Psychotherapie. Zwei langjährige Therapien hatte ich zu dem Zeitpunkt schon hinter mir. Eine  vierjährige körper- und atemzentrierte und eine klassische circa dreijährige Gesprächstherapie. Dazu waren noch die drei Jahre Ausbildung in Atemtherapie gekommen, die ja auch als eigenständige Therapie verstanden werden können. Sicher hatte ich dabei einiges gelernt und erfahren, aber der entscheidende Durchbruch war ausgeblieben. Auch die diversen spirituellen Wege, die ich ausprobiert und teilweise längere Zeit gegangen war – klassisches Christentum, esoterisches Christentum, Yoga, Sufismus, Satsangs, Buddhismus, Reiki und andere -   hatten zwar häufig auf diesen Durchbruch hingewiesen, manchmal auch fühlbar dort herangeführt, aber zumindest bei mir nicht diesen Durchbruch bewirkt.

Jedenfalls war ich mittlerweile, gerade mal fünfzigjährig, frühberentet, was ich als endgültiges Scheitern in meinen Berufen als Schauspieler und Atempädagoge verstanden hatte. Auch konnte ich mich kaum mehr bewegen. Aus schulmedizinischer Sicht MS-bedingt. Alles tat mir irgendwie weh, war verkrampft und unbeweglich. Meine Füße brannten dermaßen, dass ich kaum mehr Socken, geschweige denn Schuhe vertrug, oft knirschte ich mit den Zähnen und kratzte und biss die Haut um meine Fingernägel auf. Das einzige was ich ‚mochte’ war schlafen. Nur dass ich immer Panik davor hatte, aufzuwachen und noch einem gähnend leeren Tag voller Unwohlsein, Lähmungszuständen, Pinkelattacken und Schwindelgefühlen begegnen zu müssen. Und vor allem unberechenbaren Selbstaggressionen. Diese konnten sich dadurch äußern, dass ich mich z.B. im Bad unvermittelt selbst ohrfeigte und schlug oder – das andere Extrem – dadurch, dass ich meinen Körper buchstäblich erstarren ließ, indem ich z.B. stundenlang auf der Stelle saß und vor allem meine Füße und Beine einfach nicht mehr bewegte.

Gott sei Dank hatte meine Frau Evi immer zu mir gehalten und mich durchgeschleppt, wenn sie natürlich auch selbst durch meine Verfassung immer stärker beeinträchtigt wurde. Allerdings musste sie tagsüber arbeiten gehen, und so war ich die meiste Zeit mir selbst, meinen körperlichen Beschwerden und schlimmer noch, meiner zunehmenden geistigen Verwirrtheit überlassen.

Einer meiner sehr wenigen Kontakte war noch der zu den Leuten von "Ein Kurs in Wundern", die mir schon während meiner letzten eineinhalbjährigen Depression sehr geholfen hatten. Auch diesmal  boten sie mir immer wieder an, zu ihnen zu kommen und an Seminaren, kreuz und quer durch Deutschland, teilzunehmen, was ich auch gelegentlich tat. Dann planten sie ein mehrwöchiges Seminar mitten in der Wüste Sinai mit dem Titel "Stille in dir" und luden mich auch dazu wiederholt ein.

Ich hatte die blanke Panik vor alledem. Wie sollte ich allein den vierstündigen Flug nach Sharm el Sheikh überstehen? Und wie sollte ich mich mit meinen massiven Gehstörungen in dem tiefen Sand fortbewegen? Von der großen Hitze dort ganz zu schweigen. Trotzdem war schon Monate zuvor bei einem der Seminare, an denen ich teilgenommen hatte, in Berlin, meine Entscheidung, mit in die Wüste zu kommen, gefallen. Mit emporgereckten Gehstöcken hatte ich damals glücklich verkündet: „Ich fahre in die Wüste!“

Die Panik, die allerdings danach bei mir ausgebrochen war, war reine Todesangst. Monatelang. Es ging sogar soweit, dass ich mir lieber das Leben nehmen wollte, als mich auf diese für mich scheinbar so strapaziöse Reise einzulassen. Wie sollte ich mich in die Wüste befördern können, der ich doch die meiste Zeit nur wie gelähmt dasaß und ängstlich spürte, wie meine Beine steifer und steifer wurden?

Wieder höre ich diese weise, klare Stimme in mir:

„In Wirklichkeit hast du all diese Zeit nur damit verbracht, dein Killer-Mantra zu sprechen. Wieder und wieder. Und das ist der pure Groll.“

Jedenfalls fand sich ein Engel, der mich zum Flughafen begleitete (die meisten übrigen Teilnehmer des Seminars befanden sich bereits seit zwei Wochen auf dem Sinai) und dort der Fürsorge eines weiteren Engels übergab, der mich auf dem Flug nach Ägypten unter seine Fittiche nahm. Von all den anderen Engeln, die mich in dieser traumatischen Krise immer wieder – meist telefonisch - aufrichteten und mir Mut machten, ganz zu schweigen.

Im Handumdrehen fand ich mich eines Nachts wieder in einem angepieselten Schlafsack irgendwo mitten in der Wüste Sinai unter freiem Sternenhimmel. Es war meine erste Nacht in der Wüste und in dem Schlafsack. Ein kalter Wind ging. Ich hatte vor Schlaftrunkenheit und vor Finsternis nicht richtig in mein Pinkelglas getroffen. Die anderen lagen weit verstreut hinter Felsen und Dünen und Ginsterbüschen. Natürlich wurde mir geholfen mit meinem nassen Schlafsack, aber meines Erachtens nicht genug. Ich hätte mir jemanden gewünscht, der sich ausschließlich um mich kümmert, pausenlos, der mir die Wünsche von den Augen abliest und alles für mich tut.

Als ich mich dann morgens gegen 4.30 Uhr rasch anziehen sollte, um zu der Session, dem Treffen im einzigen Zelt zu kommen, platzte mir der Kragen und ich brüllte hemmungslos los. „Was soll der ganze Scheiß hier!“, „Ich bin nicht hier, um mich zu stressen!“ und ähnliches schrie ich in die stille, dämmrige Wüste hinaus, während da und dort eine meditationswillige Gestalt durch die Morgendämmerung in Richtung Zelt huschte. Es kam keinerlei Antwort. Mein Gebrüll verhallte im Nichts. Nur ein paar ermahnende Worte anschließend im Zelt von Michael, dem Leiter an meine Adresse.

Ana und Bernhard, die mir schon so oft geholfen hatten und die diese erste Wüstennacht in meiner unmittelbaren Nähe geschlafen hatten, zogen anschließend, ohne weitere Erklärung von meinem Schlafplatz fort und schon wieder hatte ich einen Grund, mich verletzt zu fühlen. Was ich natürlich tat. Bis sich die beiden Organisatoren der Wüstenfahrt, Maria und Hans-Jürgen, meiner annahmen und mir einen neuen Schlafplatz, circa dreißig Meter von ihnen entfernt vorschlugen.

Am nächsten Vormittag beim Frühstück auf einem Sandhügel musste ich es dann zur Sprache bringen: „Ich brauche einfach mehr Hilfe. Ich finde mich hier nicht zurecht.“ Abgesehen von den Lähmungserscheinungen hatte ich aufgrund meiner schweren Depression zunehmend Schwierigkeiten entwickelt, mich in kleinsten alltäglichen Belangen zu organisieren. Oft verbrachte ich beispielsweise Stunden mit der Überlegung, welches Paar Socken ich aufgrund der neuropathischen Schmerzen an meinen Füssen vertragen könnte und anziehen sollte. Oft überfiel mich auch, mitten in einer Handlung bleierne Müdigkeit, ein Bewegungsablauf geriet ins Stocken und ich schlief ein, egal in welcher Sitzposition ich mich gerade befand. Oder ich hatte überhaupt Schwierigkeiten, einen einfachen Handlungsablauf richtig zu koordinieren. Zwar hatte ich mich in der Wüste nur um einen Koffer und eine Tasche zu kümmern, aber allein unter diesen paar Habseligkeiten nicht das Chaos ausbrechen zu lassen, machte mir oft einfach Sorgen und Angst. Darüber hinaus war für mich die Fortbewegung auf dem sandigen Terrain weit mühevoller als ich gedacht hatte.

 „Du bist für die Situation hier selbst verantwortlich“, war die Essenz von Michaels Reaktion auf meine Bitte darum, mehr umsorgt zu werden. „Niemand hat dich gezwungen hierher zu kommen. Ich hatte dir ja vorgeschlagen, nur zu dem Teil des Seminars zu kommen, den wir in acht Tagen am Strand am Roten Meer verbringen werden. Weil wir schon dachten, wie du ja auch, dass das hier für dich zu extrem sein könnte. Aber gut, jetzt bist du hier. Nur erwarte nicht, dass dich hier irgendjemand speziell umsorgen wird. Hilfe wird da sein, wenn du konkret etwas brauchst. Hier sind genügend Leute, die du ansprechen kannst. Aber drück dich klar aus. Wir sind nicht dazu da, dich in deiner selbstgewählten Schwäche und Hilflosigkeit und Verwirrtheit zu unterstützen. Du bist genauso fähig und mächtig wie ich und jeder hier. Wenn dir das nicht passt, lass dir ein Taxi kommen und fahr zurück nach Sharm el Sheikh und flieg wieder nachhause und lass dich dort pflegen und betreuen. Geld genug hast du ja dazu. Ist das angewandte Brüderlichkeit und Liebe?“ Alle im Kreis antworteten laut und deutlich mit „Ja“. Alle außer mir selbst.

„Und wenn du depressiv sein willst, sei depressiv“, fügte Michael nach einer Pause hinzu. „Ich will absolut überhaupt nicht depressiv sein“, antwortete ich. „Gut, dann versuch aber auch nicht, damit unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Du bist ein heiles, heiliges, vollkommenes Kind Gottes wie jeder hier. Alle Macht ist dir gegeben. Wenn du also hier depressiv herumschleichen willst, tu’s. Fühl dich frei, das zu tun. Aber behalt es für dich. Und sei versichert, uns stört es nicht, wenn du das tust.“ Damit war die Unterhaltung beendet.

Äußerlich ließ ich mir, wie ich im Nachhinein erfuhr, nicht viel anmerken, aber innerlich brach die Hölle los. Es kam mir vor, als würden die ganzen negativen Tendenzen meines Lebens wie zu einer Speerspitze zusammenlaufen und sich in einem einzigen winzigen Punkt bündeln. Das war die Essenz von Verletztheit, von Demütigung und zugleich von ohnmächtiger Wut darüber. Ich hätte alle umbringen können. Diese scheinbaren Gesunden, die einem erzählten, man sei für alles verantwortlich. Die waren noch schlimmer als jene, die einen so gern mit gut gemeinten Ratschlägen torpedierten. Ich wollte nur noch endlich sterben! Endlich dieses verfluchte Jammertal ‚Leben’ verlassen! In dem letztlich alles vergeblich war. In dem letztlich alles aufs Sterben hinauslief.

Überhaupt war mir diese unselige Multiple Sklerose immer wieder wie ein langsamer Sterbeprozess vorgekommen, wie ein Abschiednehmen von einer gesunden Körperfunktion nach der anderen. Nur sozusagen im Zeitlupentempo, wobei man das abscheuliche Privileg hatte, jede Einzelheit im Detail mitzuerleben. Ich hasste das alles. Abgrundtief.

Randvoll mit verzweifeltem Groll lag ich diese Nacht in meinem Schlafsack. Ich überlegte hin und her, wie ich es anstellen könnte, in meinem geschwächten Zustand einen vorzeitigen Rückflug zu organisieren und durchzuführen. Doch was würde ich dann zuhause in Deutschland mit meinem bisschen schwer behinderten Leben anfangen? Jetzt hier abzubrechen würde nichts an meiner Verzweiflung ändern. Es wäre reines Gift.

Im nächsten Moment überlegte ich schon, wie ich es auf einen der höheren Felsen im Umkreis hinaufschaffen könnte, um mich von dort in die Tiefe zu stürzen. Doch das war aussichtslos. In meiner Verfassung hätte ich nie die Kraft gehabt, überhaupt auf so einen Berg hinaufzugelangen.

Dann packte mich wieder bodenloser Groll auf all die Leute hier und speziell auf Michael und die kühle, nüchterne Art, wie er mir seine Weisheiten vorhin um die Ohren geknallt hatte. Im Geist sah ich, wie ich ihn und alle hier mit einer dicken Maschinenpistole ausradierte.

 

„Du weißt gar nicht, wie viel Bhakti nach dem Gespräch an diesem Morgen im Geist bei dir gewesen ist“, sagte Michael Tage später zu mir.

 


Der heilige Augenblick 

 

„Dieses hassende Ich ist genau das, was wir Ego nennen. Es ist letztlich nichts anderes als ein sagenhafter Angriff auf dich selbst. Die massivst mögliche Attacke auf dich selbst ... Auf dich selbst ... Und die Aufgabe eines spirituellen Lehrers ist: dir diese deine Negativität; diesen deinen Groll bewusst zu machen. Und dir zu zeigen, dass du selbst es bist, der das alles erzeugt. Und dir das Werkzeug zu zeigen, mit dem du diese Fehlkonstruktionen deines unendlich freien, liebenden Geistes reparieren kannst: die Vergebung ... Das Üben des heiligen Augenblicks ... “

„Du musst früher oder später erkennen, dass dieses hassende Ego letztlich nur die Absicht hat, dich selbst zu töten. Das ist jedoch noch nicht alles. Zur wirklichen Freiheit gelangst du nur durch die Erkenntnis, dass kein anderer als du selbst dieses Ego erzeugt hat. Deshalb sagen wir immer wieder, du bist verantwortlich für deine gesamte Erfahrung. Das schließt natürlich den Tod mit ein. Dass du dich in einer Welt erlebst, in der alles sterben muss, ist deine höchsteigene Entscheidung. Genau gesagt kommst du hierher, weil du sterben  w i l l s t . Du kommst hierher, weil du die Begrenzung, die Einschränkung erleben  w i l l s t . Das ist der einzige Grund. Und das Ego ist der treue Erfüllungsgehilfe dieses göttlichen Willens von dir. Vergiss nämlich nicht, dein Wille ist dir von Gott gegeben. Was ist also der Ausweg? Bring all deinen Groll in den heiligen Augenblick. Diesen ganzen Tumult. Diese ganze Aufgeregtheit. Diese ganze Verzweiflung. All deinen Selbsthass.“

Immer wieder hatte Michael das in den Sessions erwähnt. Wie es jedoch praktisch gehen sollte, war mir unklar. Wenn er davon sprach, hatte Michael allerdings oft mit Händen und Augen nach oben gedeutet.

Also stellte ich mir endlich vor, all meine Gedanken und aufgebrachten Emotionen sozusagen nach oben weiterzureichen. Es war ohnehin das einzige, was ich tun konnte. Jede andere Handlungsmöglichkeit war mir ja versperrt. Immer wieder überwand ich mich und stellte mir vor, Gott oder Jesus oder dem Heiligen Geist oder eben der mir übergeordneten liebenden Intelligenz irgendwie all diese innere Aufgebrachtheit, diesen Zorn in die Hände zu legen.

„Ja, das ist richtig. Das ist der Weg. Du stellst dir leuchtende Hände vor, die von oben her zu dir kommen. Dort legst du alles hinein. Du musst gar nicht schon unbedingt sehen, wie es dein eigener Geist ist, der alle deine Gefühle, alle deine Wünsche, alle deine Sorgen erzeugt. Es genügt, dass du nichts mehr für dich behältst. Das ist es, was eigentlich mit Loslassen gemeint ist: du übergibst deine Gedanken und deine Gefühle - egal welcher Art - der Intelligenz, die den Weg ins Licht, in die Freiheit kennt ...“

Und plötzlich kam ein Hauch vollkommen losgelöster Heiterkeit in meinem Geist. Wie ich in dieser Situation auf einmal schmunzeln konnte, war mir komplett unverständlich. Doch zumindest schlief ich darüber ein.

Als ich frühmorgens gegen 4 Uhr die Augen aufmachte war natürlich sofort wieder blanke Panik da: wie mich anziehen, wie mich organisieren, wie das alles hier überhaupt ertragen ohne durchzudrehen ...

Nach der anschließenden Session, die ich wieder mal kaum verstanden hatte, kam noch einmal von Michael das Angebot, wer wollte, könne die Zeit zusätzlich durch Fasten nutzen. Fünf Tage lang. Nicht aus körperbezogenen Überlegungen heraus, sondern um auf diese Weise geistige Knoten zu lösen, die sich anders kaum lösen ließen. Ich war dabei. Allerdings nur, weil ich sicher war, ich würde während der acht, neun Tage in der Wüste ohnehin Verstopfung haben. Und das würde sich schließlich mit leererem Darm besser ertragen lassen. Dabei hatte man speziell für mich einen Donnerbalken der besonderen Art bereitgestellt: einen handelsüblichen Plastiksessel, in den meine Freunde in die Mitte der Sitzfläche ein Loch gesägt hatten ...


 

Die Einsamkeit

 

„Ich bin verantwortlich für was ich sehe. Ich wähle die Gefühle, die ich erfahre, und ich entscheide mich für das Ziel, das ich erreichen will.“

Ein Kurs in Wundern

 

„Und vergesst nicht, macht einen großen Bogen um den Felsen von Christoph herum. Der braucht wirklich Einsamkeit.“ Das waren Michaels abschließende Worte nach dem gemeinsamen Frühstück im tiefen Sand auf dem Wüstenhügel. Das hatte er auch vorhin schon einmal gesagt, während seiner morgendlichen Ansprache. Ich erlebte diese Worte wieder wie einen Magenschwinger. Von wegen Einsamkeit - davon hatte ich zuhause schon wahrlich genug gehabt. Das war das letzte, was ich jetzt brauchen konnte.

Ich hatte mich seit Ausbruch dieser Depression vor über einem Jahr dermaßen in die MS-Erkrankung hineinmanövriert, dass Einsamkeit eine logische Konsequenz gewesen war. Mit all meinen Gedanken war ich immer nur darum gekreist, was alles nicht geht, was ich alles nicht kann. Bald wollte das natürlich keiner mehr hören. Und die, die es hören wollten, weil sie darin eine Bestätigung für ihr eigenes Leiden fanden, konnte ich meinerseits nicht ertragen. So hatte ich allmählich auch meine meisten sozialen Kontakte abgebrochen, saß oder lag größtenteils in der Wohnung herum und konnte förmlich dabei zusehen, wie ich allmählich den Verstand verlor.

Abgesehen davon, dass auch mein Körper immer schlechter funktionierte. Dies betraf sowohl meine Fähigkeit zu gehen – mittlerweile benutzte ich dauerhaft zwei Gehhilfen, manchmal auch einen Rollstuhl – als auch die Fähigkeit, wegen Restharnbildung in der Blase, mein Wasser zu halten. Was das betraf, war ich schon so oft in peinliche Situationen geraten, in denen ich nicht mehr an mich halten konnte und in aller Öffentlichkeit irgendwohin pieseln musste, dass ich ziemlich abgebrüht geworden war. So trug ich stets ein so genanntes „Uribag“, ein zusammenfaltbares Plastiktütchen  in der Hosentasche mit mir herum, in das ich im Notfall hineinpieseln konnte. Einmal war es mir sogar gelungen, während des Einkaufens an der Kasse eines Supermarkts unbemerkt – so glaube ich wenigstens – mit der einen Hand mein Geschäft zu verrichten und mit der anderen Hand zu zahlen. Das war allerdings zu einer Zeit gewesen, als ich keine Depression gehabt hatte. Ansonsten wäre an einen solchen Taschenspielertrick nicht im Traum zu denken gewesen ...

Ich hatte also zu fasten begonnen. Auf meiner einsamen Liegestatt sitzend zog ich den Waschzettel der Psychopharmaka aus der Tablettenschachtel, las noch einmal wie gefährlich es sei, dieses Mittel abrupt abzusetzen, und dass man das auf keinen Fall ohne ärztliche Abklärung tun solle. Dann zerknüllte ich die Schachtel gründlich und steckte sie in den kleinen Müllbeutel, der neben meinem Koffer im Sand lag. An meinem Gefühl von Isoliertheit hatten diese Mittel ohnehin nichts geändert. Und meinen Wunsch zu sterben konnten sie auch nicht erfüllen.

Meine Frau Evi behauptete zwar, seit ich vor gut neun Monaten begonnen hatte, die Psychopharmaka zu nehmen, habe sich meine Verfassung aufgehellt, aber ich selbst hatte davon wenig verspürt. Ich hatte mich immer nur danach gesehnt, endlich wieder mehr eingebunden in soziale Geschehnisse zu sein und war sicher, nur dadurch würde sich die Depression effektiv zurückdrängen lassen. Sobald derlei soziale Geschehnisse aber eintraten und wir beispielsweise Freunde trafen, fühlte ich mich nur allzu schnell überfordert und war froh, wenn ich wieder mit Evi allein war und nicht mehr über irgendetwas reden musste, was mich ohnehin nicht interessierte. Drehten sich doch die allermeisten Gespräche immer nur um das Vergängliche. Und boten keine unzerstörbare Alternative.

„Was also ist Einsamkeit? Sie ist kein Gedanke Gottes. Denn Gott denkt nichts Schmerzendes. Die gesamte erkennbare heile Schöpfung, das sind Gedanken Gottes. Du bist ein Gedanke Gottes. Einsamkeit ist kein Gedanke Gottes. Aber doch ist es so, dass da jemand zu sein scheint, der sie erfährt. Bist das du? Kannst denn du als vollkommenes Kind Gottes überhaupt Unvollkommenheit erfahren? Nein. Dafür brauchst du einen Mittler. Ein Mittel. Das, was man Ego nennt. Und da Gott dieses Mittel, diesen Mittler nicht bereitstellt, musst notgedrungen du das tun. Das heißt, das Ego, das  sich als getrennt von anderen wahrnimmt, ist dein eigenes Konstrukt. Dieses Konstrukt ermöglicht dir, deinem eigenen Willen gemäß, die Wahrnehmung einer Welt voller Unvollkommenheiten. Nur mittels des Egos kannst du also etwas wie Einsamkeit überhaupt erleben.  Was also ist Einsamkeit in Wirklichkeit? D e i n   W i l l e. Was ist Vergänglichkeit? D e i n   W i l l e. Was ist Hass? D e i n   W i l l e.“

Wie oft hatte ich zuhause kleine Kinder beneidet, die im Schutz ihrer Eltern in Buggis durch die Gegend geschoben wurden, die scheinbar nichts wussten von einer feindlichen Welt und die ihr Leben noch vor sich hatten.

Wie oft war ich, wenn ich mich an meinen Krücken schwerfällig irgendwo herumschleppte, ängstlich von scheinbar Gesunden angeschaut worden, mit Blicken, die sagten: „Hoffentlich passiert mir das nicht mal ...“

„Und all dieses Selbstmitleid, wisse, dass du es bist, der das erzeugt.“

Wieder einmal erinnerte ich mich, dass tatsächlich niemand als ich selbst es gewesen war, der mich in diese aussichtslose Krankheitssituation gebracht hatte: Gut ein Jahr zuvor war mir eine viel versprechende berufliche Perspektive als Übersetzer und Rezitator von Gedichten des großen Sufi-Mystikers Rumi zwischen den Fingern zerronnen. Gedichte, die ich aus amerikanischen Versionen von Rumis Werken nach Coleman Barks übersetzt hatte, hatte ich nicht selbst als Buch herausbringen können. Und einen Rumi-Abend, wie Claudia Matussek, eine befreundete Obertonsängerin, und ich ihn schon zweimal veranstaltet hatten, hatte ich in Folge abgesagt. Aus Angst vor möglichen Schwindelanfällen und Pieselattacken während der Aufführung, wie ich mir einredete. In Wirklichkeit – aber sehr gut versteckt hinter einer Mauer von Unbewusstheit - hatte ich schlicht keine Lust mehr, mich abzumühen. Es gab schließlich zwei Worte, mit denen ich jedes Scheitern entschuldigen konnte: Multiple Sklerose.

„Und wohin sollte dich diese unbewusste Weigerung dein Projekt weiter zu verfolgen treiben? In die Schuld, in das Gefühl, versagt zu haben. Und wohin sollte dich die Schuld treiben? In die Einsamkeit. Und wohin sollte dich die Einsamkeit treiben? In den Tod. Ziel erreicht. Dafür ist MS ein ausgezeichnetes Mittel. Was geschieht dabei nämlich? Du wirst immer reduzierter in deinen Möglichkeiten. Erinnere dich, je weiter dein Glaube an die Erkrankung voranschritt, umso weniger konntest du noch tun. Mehr als eine kleine Bewegung auszuführen ging bald nicht mehr. Darum auch die Angst vor dieser Reise, denn die zwang dich buchstäblich auch physisch wieder mehr zu können als einer, der im Sterben liegt.“

Als ich die folgende Nacht in meinem Schlafsack lag, hatte ich mit einem Mal seit über einem Jahr wieder Lust, mich zu bewegen, mich zu dehnen und zu strecken und sogar leichte muskelaufbauende Übungen auszuführen. In der Kühle der Wüstennacht fiel mir dergleichen auch wesentlich leichter als in der Tageshitze. Dabei kam mir der Gedanke, für Michael und Bhakti ein Seminar in München zu organisieren, wenn sie wollten, und mit einem Mal war wieder dieses langersehnte Gefühl da: Lebensfreude.

"Das war seit langem wieder einmal ein Gedanke an jemand anderen als dich selbst."


 

Die Erlösung

 

Die nächsten Tage waren wie eine schrittweise Rückeroberung meiner Fähigkeit, mich wieder besser und leichter selbst zu organisieren. Wie ich es schon in meinen letzten beiden Depressionen erlebt hatte, ging es auch diesmal ruckweise: Einem kurzen Lichtblick folgte eine längere Phase von Angst und Verwirrtheit. Dann wieder ein kurzer Lichtblick, der aber diesmal ein wenig länger hielt. Dann wieder Seelenfinsternis, dann wieder hell. So ging es die restlichen Fastentage hindurch, nur dass die hellen Phasen immer länger wurden. Und allmählich fasste ich wieder Zutrauen in meine Fähigkeit, meine sieben Sachen selbst in Ordnung zu halten.

Auch bekam ich während der Sessions, der Ansprachen von Michael, immer besser mit, wovon er sprach. Eines Abends begann ich dann Michaels Worte im Geist simultan ins Englische zu übersetzen. Einer der Gründe, mit denen Michael während unserer langen Telefonate zuvor in Deutschland versucht hatte, mich für diese Reise zu gewinnen, war schließlich der gewesen, später in Israel als Englisch-Übersetzer seiner Sessions tätig zu sein. So dachte ich, übe ich schon einmal. Während ich also still im Geist Michaels Worte mitübersetzte, wurde ich manchmal beinahe euphorisch. Ich merkte wie durch diese geistige Tätigkeit nicht nur meine Denkfähigkeit gefördert wurde, sondern auch dass die lang verschollene Fähigkeit, rechtgesinnt zu denken, wie der „Kurs in Wundern“ es nennt, ans Licht meines Bewusstseins kam. Es war spürbar, dass Michael, während er sprach eine heile, heilige, wirklich gesunde und wirklich liebevolle und wirklich klar zwischen Wahrheit und Illusion differenzierende innere Stimme zu Wort kommen ließ. Indem ich mir deren Worte während des Übersetzens aneignete, wurde natürlich meine eigene heile, heilige, gesunde, fröhliche innere Stimme wachgerufen. Anders gesagt erinnerte mich seine Liebe an meine Liebe und es war eindeutig, dass es sich dabei nicht um zwei verschiedene Lieben handelte. So wie Gott eins ist, ist die wirkliche Liebe eins.

Dann gab es wieder Situationen, in denen ich raste vor Wut und Verzweiflung. Beispielsweise, als ich während eines gemeinsamen Treffens im Zelt plötzlich pieseln musste, mich irgendwie aus dem Sitzen in den Stand quälte, ins Freie stakste, dann ums Zelteck herumtaumelte - und dort in der Nähe saßen die uns betreuenden Beduinen und schauten herüber. Ich also weiter irgendwo in die offene Wüste hinein. Gerade noch schaffte ich es zu einem Ginsterbusch, an dem ich mich notdürftig festhalten konnte. Schwer wankend verrichtete ich mein Geschäft und wurde dabei attackiert von dem üblichen Schwarm wildgewordener Fliegen, für die Urin und Schleimhäute natürlich ein Leckerbissen waren. Zum krönenden Höhepunkt verlor ich das Gleichgewicht und fiel in den tiefen Wüstensand.

Zu Hilfe kam niemand, doch im Licht der genießerisch untergehenden Wüstensonne erklangen leise aus dem entfernten Zelt weise Worte ...

„Vergeben ...“


 

Frei

 

„Schön, dass wir so weit gekommen sind. Von hier aus, von jetzt an werden sich unsere beiden Stimmen vermengen und eine sein. Lassen wir also vollständig die Vergangenheit ruhen, lassen wir alle Gedanken ruhen, die uns erzählen wollen, wie wichtig es sei, diesen Bericht zu Ende zu bringen. Er ist schon geschrieben. Im Herzen Gottes. Alles ist bereits erfüllt. Es gibt tatsächlich nichts zu erreichen. Keinerlei Anstrengung ist in Wirklichkeit nötig. Was sollte wichtiger sein, als die Erfüllung? Als vollständig von Frieden und Freude und Leben erfüllt zu sein?“

Diese auszudehnen.

„Wer sagt das?“

Der Kurs in Wundern.

„Was sagt der Kurs in Wundern? Am Ende sagt er: ‚Und jetzt vergiss diesen Kurs’. Es geht doch nicht um den Kurs, sowenig wie es um diesen Erfahrungsbericht geht.“

Außer ... man tut etwas einfach aus Freude daran. Und weil es anderen Freude bringt.

„Endlich.“

 

Wie gesagt, hatte ich in den Nächten wieder angefangen, in meinem Schlafsack leichte Dehnübungen zu machen und leichten Muskelaufbau, wie ich ihn vom isometrischen Training her kannte. In der kühlen Wüstennacht wach zu liegen, Pläne zu schmieden für Seminarvorbereitungen und dabei immer wieder Muskelgruppen an meinem eigenen Leib zu spüren, die ich mich so lange geweigert hatte, zu bewegen, war wie ein Aufwachen aus einem langen Alptraum, den ich selbst inszeniert hatte, um ihn auch selbst zu erleben.

Als ich nach sechs Fastentagen wieder die erste Dattel zwischen den Zähnen hatte und beim gemeinsamen Frühstück Michael reden hörte, überschwemmte mich immer wieder Dankbarkeit. Dankbarkeit für die große Klarheit, in der Michael diese heile, heilige, fröhliche, ernste innere Stimme zu Wort kommen ließ. Dankbarkeit für dieses wunderbare geistige Lehrwerk „Ein Kurs in Wundern“. Und Dankbarkeit für diese kleine entschiedene Gruppe von Suchern und Findern, die sich hier irgendwo mitten in der Wüste Sinai zusammengefunden hatte, um frei zu sein.

Natürlich bestand auch der „Kurs in Wundern“ aus Gedanken-Konzepten, aus Ideen, und war folglich angreifbar. Möglicherweise war er folglich nicht mehr als eine Diskussionsgrundlage. Und doch ... wenn sich diese Gedanken-Konzepte im eigenen Geist entfalten durften, wenn man sie zuließ als mögliche Wahrheiten und sie “im Herzen bewegte“, oder besser, das eigene Herz dadurch in Bewegung kommen ließ ... dann führten diese Konzepte zu einem inneren Halt, einem Frieden und einer Freiheit, wie ich sie nie erlebt hatte.

Ein entscheidender Punkt war die Übernahme der kompletten Verantwortung für wirklich alles, was man erlebt. Was nicht mit „schuld-sein“ verwechselt werden soll. Ja, man hat Fehler gemacht, aber die sind vorbei. Ja, man macht Fehler, aber im nächsten Moment sind die Vergangenheit. Sie wirken nur insoweit prägend auf die jetzt erlebte Situation, als man blitzschnell in seinem eigenen Geist sozusagen eine Kopie des gerade erlebten Ereignisses macht und diese wie einen Film immer wieder von vorne abspielt. Wird einem das bewusst und man stoppt dieses Kopien-Machen, was gleichbedeutend ist mit Vergebung, wird der jetzige Moment völlig unvoreingenommen erlebt und alles kann in ihn einfließen, was wirklich Leben ist – heiles Leben.

Jenes blitzschnelle Kopien-Ziehen im eigenen Geist bleibt aber meist verborgen in einem Nebel von Unbewusstheit. Was noch unbewusster bleibt ist, dass wir im Geist die gerade erlebte Situation wie unter Hypnose bewerten müssen. Und sie aufteilen in gut und schlecht. In positive und negative Erinnerungen. In hell und dunkel. In schwarz und weiß. Und dass wir aus diesem Bewertungsspiel unsere gesamte erfahrene Welt errichten. Und dass eben das alles unsere bewusst getroffene Entscheidung für die Erfahrung von Trennung ist.


 

Die Unterwelt

 

"Was die Angst vor dem Tod zu sein scheint, ist in Wirklichkeit seine Anziehungskraft."

Ein Kurs in Wundern

 

Wie viele Menschen hatten in der Zeit, als es mir so schlecht ging, für meine Heilung gebetet, oder darum, es möge mir zumindest wieder seelisch besser gehen. Allen voran kann ich sicher Evi nennen, meine Frau. Sie hängte das jedoch nicht an die große Glocke und äußerte ihre Liebe und ihr Mitgefühl vor allem dadurch, dass sie den ganzen praktischen Teil unseres gemeinsamen Lebens unbeirrbar am Laufen hielt. Wie schwer ihr das oft gefallen sein muss, angesichts meiner Krankheits-Launen und Unberechenbarkeiten und darüber hinaus ihrer beruflichen Belastungen kann ich nur ahnen. Und wie klar sie in ihrer Entschiedenheit war, dem starken negativen Sog entgegen zu treten, mit dem ich mich selbst und meine ganze Umwelt nach unten ziehen wollte, dafür bin ich ewig dankbar.

Meine Suizidabsichten hatten schließlich alle Dämonen der Unterwelt auf den Plan gerufen. Dämonen, die allerdings Produkte meines eigenen Geistes waren, nur wusste ich das damals nicht. Mein eigenes todes-orientiertes Denken, das größtenteils unbewusst war, hatte diese Dämonen erzeugt. Und ich wusste nicht, wie ich dieses negative Denken stoppen konnte. Oder besser, ich wollte dieses Denken nicht stoppen. Ich wollte den Tod. Ich wollte tot sein. Nicht länger sterben, sondern endlich tot sein. Wie gut konnte ich alle gebrechlichen, vereinsamten Menschen verstehen, die endlich tot sein wollten, um - wenn vielleicht auch nur unbewusst – endlich wieder neu anfangen zu können.

Was für eine Anziehungskraft hatten meine Todesphantasien. Neue Leben blitzten durch meinen Geist. Unglückliche Leben. Geschmiedet aus Mangelbewusstsein, aus scheinbar unlösbaren Konflikten und irrationalen Sehnsüchten. In benachteiligten, unterentwickelten Regionen dieser Welt. So negativ sie auch waren, solche Bilder zogen mich magnetisch an.

Ich spürte regelrecht, wie in ihnen bereits die nächste Verkörperung meines Geistes vorprogrammiert werden wollte.

Zugleich waren es diese Bilder, die mich davon abhielten, mich in die Tiefe zu stürzen. Ich wusste, aus einem Suizid, der bei Angehörigen und Freunden nur Schmerz und Traurigkeit hervorrief, konnte nichts Gutes kommen. So verwirrt und verzweifelt ich war, mir war doch klar, dass man sich nur gutgelaunt das Leben nehmen durfte, im Reinen mit seinen Nächsten.

Neben Evi gab es noch einige Andere, die mir in dieser schweren Zeit auf sichtbare und unsichtbare Weise beistanden und mir ihre guten Gedanken oder Gebete schickten. Mein Vater und meine Mutter gehören bestimmt dazu. Auch mein Sohn Gwendal, der mir auf seine Weise immer nur das Beste wünscht. Auch so manche Freunde und Bekannte trugen dazu bei. Beispielsweise Helga und Frau Dr. Bumm.

Viel habe ich auch Michael und den Seinen zu verdanken. Michael sagte mir wiederholt, wie er mich im Geist sprungbereit am Rand eines Abgrundes stehen sah, und meine Hand festgehalten hatte. Und sein Freund und Organisator Wolfgang Bernardo und seine Frau Ana hatten das wiederholt auch faktisch getan, indem sie mich immer wieder aus meinem Loch holten und zu sich nach Hause und auf Seminare einluden.

Seit ich Michael vier Jahre zuvor auf einem seiner Seminare kennen gelernt hatte, hatte er sich verpflichtet gefühlt, mir durch meine Krise hindurch zu helfen. Drei bis viermal pro Woche erhielt ich Briefe von ihm und so oft hatten wir miteinander gesprochen und telefoniert. Zu einer Zeit, als sich scheinbar schon viele von mir abgewandt hatten.


 

Durchs Tote Meer

 

„Für die Rückfahrt gibt’s eine Änderung“, sagte Michael zwei Tage vor unserer Abreise aus dem Camp Zman Midbar in der israelischen Wüste nahe dem Toten Meer. „Auf der Fahrt zum Flughafen machen wir ein paar Stunden Halt am Toten Meer. Das wird dem Christoph gut tun, dort zu baden.“

Es war wieder mal so weit. Mich packte panischer Schrecken.

Die letzten zwei Wochen nach dem Wüstenaufenthalt – zuerst in einem einfachen Camp am Roten Meer, dann eine knappe Woche auf einem weiteren Seminar mit Bhakti und Michael eben hier in der Nähe von Arad in Israel – hatte sich meine psychische Verfassung immer mehr stabilisiert. Vor allem meine massiven Kofferpack-Ängste hatte ich immer besser in den Griff bekommen. Jetzt hatte ich gedacht, müßte ich nur noch einmal in aller Ruhe meine sieben Sachen zusammenräumen, dann würde der lange Rückreisetag auch noch klappen. Die paar Stunden Fahrt zum Flughafen Ben Gurion und die Wartezeit auf den Flug, der erst nach 22 Uhr starten sollte, waren nicht beängstigend.

Das sah jetzt anders aus: ich mußte mich für zwei Reise-Etappen bekleidungs-technisch rüsten. Wie ich das allein meistern sollte ... ein hervorragender Gedanke, um endlich wieder Angst zu produzieren. Meine Drüsen gehorchten meinem unbewussten Befehl aufs Wort und schon trat meinem Körper der Angstschweiß aus den Poren. Währenddessen durfte mein Gehirn endlich wieder einmal den Zustand geistiger Lähmung produzieren.

Dann am Toten Meer ...

Diese Gluthitze in dieser weltweit am tiefsten gelegenen Gegend der Erde. Dieser stahlblaue Himmel. Nur im Zeitlupentempo torkelnd gelangte ich über den brennend heißen Sand in dieses geleeartige Salzwasserkonzentrat hinein.

„Und denkt dran,“ hatte Michael vor unserer Abfahrt gesagt, „das Tote Meer ist richtig tot. Mausetot.“

Weiter draußen in dem zähflüssigen Unwasser, dort wo man nicht mehr stehen konnte, zeigten mir Michael und Bhakti gehende Tretbewegungen, die ich mühevoll nachmachte. Wie fröhlich und wie lebendig die beiden dabei waren. Und die anderen auch.

Einmal verlor ich das Gleichgewicht, geriet durch den mächtigen Auftrieb des Toten Meers aus der Senkrechte und wurde komplett unter Wasser getunkt. Zu dem Zeitpunkt befand ich mich etwas abseits der anderen. Das beißend salzige Wasser drang mir durch alle Schädelhöhlen. Schlagartig zog sich meine ganze Muskulatur zusammen. Ich wurde steif wie ein Brett. Die Augen hielt ich fest zugekniffen, so brannten sie. An Luftholen durch die Nase war nicht mehr zu denken. Aus der troff es nur noch. Gott sei Dank hatte mir aber gerade zuvor aus einiger Entfernung Bruder Felix, ein jüngerer Informatiker, fröhlich zugewunken und ich konnte hören, dass er sich zu meiner Rettung aufmachte. Bauchaufwärts dümpelte ich in diesem Meer des Todes, steif und starr, unfähig meine Position noch irgendwie positiv zu beeinflussen. In meinem Schädel brannte es wie Feuer.

Wie einen Baumstamm schob mich Felix in Richtung Strand. Währenddessen lief es mir hochsalzig und ungebremst aus allen Schädelöffnungen und ich sehnte mich nur nach klarem Wasser. Dabei plauderten Felix und ich angeregt in verschiedenen Sprachen und Dialekten über diverse erleuchtungstechnische Fragen. Hauptsächlich erinnere ich mich jedoch daran, wie dankbar ich war für sein sicheres Geleit. Am Strand wartete bereits Bernardo mit einer Wasserflasche und es dauerte nicht lang, bis ich unter den neugierigen Blicken mancher Strandbesucher wieder aus den Augen schauen konnte und unter der Dusche stand.

Wieder höre ich meine innere Stimme:

„Ja, Lieber, jetzt hast du’s geschrieben. Das ist die Macht der Erinnerung. Die gesamte menschliche Kultur besteht aus Erinnerung. Es kommt aber darauf an, weiter zu gehen. Weiter als die Erinnerung. In das Leben hineinzufinden, das immer weiter reicht. Wenn du deine Erinnerungen in jedem Augenblick loslässt, öffnest du dich in jedem Augenblick für das Ungewordene. Das ist eine Freude, die sich mit nichts vergleichen lässt.“


Dankbarkeit

 

„Wenn wir dankbar sind, können wir sehen.“

Reshad Feild

 

Mittlerweile bin ich seit vier Monaten aus der Wüste zurück. Also bin ich genau genommen vier Monate jung. Auch wenn ich nach wie vor scheinbar mit einem fünfzig-jährigen Körper durch die Gegend hoppele. Mal leichter mal schwerer. Wobei die Leichtigkeit meiner Bewegungen insgesamt zugenommen hat. Während ich vor meinem Wüstenerlebnis nur noch zweidimensional denken und handeln konnte, gewinne ich heute mit jedem Tag auch körperliche Fähigkeiten zurück. Beispielsweise kann ich mittlerweile wieder leicht freihändig duschen, was mir zuvor nur mit größter Vorsicht und Anstrengung möglich gewesen war. Und während ich mich früher kaum mehr traute, Auto zu fahren, gelingt mir das heute ganz selbstverständlich. Allerdings habe ich auch wieder mit leichten Dehn-, Gleichgewichts- und Kräftigungsübungen angefangen. Zum Beispiel auf einem großen Gymnastikball. Angesichts meiner Blasenstörungen sind dabei für mich besonders Übungen zur Bewusstmachung und Stärkung des Beckenbodens hilfreich

Am meisten profitiere ich in dieser Hinsicht von einem altchinesischen Übungs- und Regerationssystem, dem Hsin Tao, aus dem unter anderem auch das Qi Gong hervorgegangen sein soll (www.hsintao.de). Ein wesentlicher Bestandteile von Hsin Tao sind Entspanntheit und mühelose Achtsamkeit. Seine einfachen Übungen haben sehr plastische Namen, die zugleich auf ihren spirituellen Hintergrund hinweisen. Durch eine Übung wie „Der Heilige dehnt seine Taille“, die im Stehen ausgeführt wird, lerne ich immer mehr, wie wichtig die Muskulatur des Damms für das aufrechte Stehen und Gehen ist. Jahrelang hatte ich diesen Muskelbereich völlig ausgeblendet und mich hauptsächlich mithilfe meiner Oberschenkelmuskulatur aufrecht gehalten. Das führte natürlich unweigerlich zu Störungen des Gleichgewichts, zu dem bekannten torkelnden Gangbild und zu rascher Ermüdung.

Von zentraler Bedeutung ist für mich allerdings nach wie vor die Beschäftigung mit dem Lehrwerk des Kurses in Wundern, der von vorneherein klarstellt, dass man in erster Linie ein geistiges Wesen ist.

Nachdem ich die 365 Lektionen des Übungsteils des Kurses mehr oder minder unvollkommen im Lauf von Jahren durchgearbeitet habe, kann ich heute endlich spielerisch mit diesem umfassenden Lehrwerk umgehen (was auch vorher schon möglich gewesen wäre, wäre ich nicht so verseucht von meinen selbst gestrickten Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen gewesen). Vor allem in den frühen Morgenstunden lese ich täglich in diesem Werk – und sei es auch nur einen einzelnen Satz. Im Handumdrehen fühle ich mich dadurch emporgehoben und auf die richtige Spur gesetzt. Im Handumdrehen weiß ich mich eingebunden in ein Leben, in eine Schöpfung, die so gewaltig ist und so vollständig frei und freudevoll, dass mir manchmal vor Dankbarkeit die Tränen kommen.

Nimmt man beispielsweise einen Satz, wie die Tageslektion 50

„Ich werde von der Liebe Gottes erhalten“

und erlaubt diesem, sich einfach nur im eigenen Geist eine zeitlang auszudehnen, kann dadurch alle Sorge und Angst aufgelöst werden. Wenn man sich wirklich öffnet für einen solchen Satz und alle Bedenken und intellektuellen Zweifel nur einen Augenblick lang sein lässt, kann tatsächlich das Wunder geschehen, und man ist auf einmal Zuhause.


 

Die Heilung geht weiter

 

Mittlerweile bin ich schon gute zehn Monate alt. Meine Befürchtungen, ich könnte zuhause in Deutschland in MS und Depressionen zurückfallen, verpufften im Nichts. Allerdings behielt ich auch den Tagesrhythmus aus der Wüste bei. Ich liebte es sehr, jeden Morgen zwischen 4 und 5 Uhr aufzustehen, wenn alles noch still war, meine krankengymnastischen - und HsinTao - Übungen zu machen, Frühstücksfernsehen zu schauen und in das Universum von Ein Kurs in Wundern einzutauchen.

Meine Beschäftigung mit diesem spirituellen Lehrwerk verlief nach ganz eigenen Regeln. Nachdem ich über die Jahre, vor allem dank Michael, die Sprache und die Ideen des Kurses immer besser verstand, wurde mir immer klarer, daß in diesem dicken blauen Buch eine eigenständige tiefe Intelligenz am Werk war. Diese lenkte oft wie von selbst meine Augen auf bestimmte Aussagen oder Passagen, die im Moment für mich wichtig waren. Ganz offenbar war in diesen Fällen meine eigene weise innere Führung zugange, die ich auch immer öfter als innere Stimme wahrnehmen konnte.

Die Tips, die ich von dieser inneren Stimme erhielt, bezogen sich nicht nur auf metaphysische, spirituelle Themen, sondern sie konnten sehr wohl auch bodenständig und praktisch sein. Eines Morgens beispielsweise kam aus dieser Quelle die Idee, mein Manuskript mit den Rumi-Gedichten, das ich eineinhalb Jahre zuvor nicht hatte publizieren können, in leicht abgeänderter Form einem bestimmten Verlag zum Druck anzubieten. Ich ging dieser Eingebung nach und fand nur offene Türen. Während ich anderthalb Jahre zuvor mit der Herausgabe dieser Rumi-Versionen nach Coleman Barks keinen Schritt mehr weiter hatte gehen können, lief plötzlich alles wie von selbst. Auch Hindernisse und Komplikationen ließen sich leicht aus dem Weg räumen, sobald ich entschied, das ganze Projekt tatsächlich der göttlichen Intelligenz in die Hände zu legen. Und mir um Erfolg oder Misserfolg keine Gedanken zu machen. („Die Musik, die wir sind“, Rumi, Arbor-Verlag, 2009)

Vor etwa zwei Monaten dann flog ich ein zweites Mal in den Sinai. Diesmal zusammen mit Evi. Wir wollten Maria und Hans-Jürgen am Roten Meer besuchen, die Organisatoren meiner damaligen Wüstenmeditations-Reise, mit denen wir uns mittlerweile gut angefreundet hatten.

Es war Ende Mai, Anfang Juni und darum auf dem Sinai schon ziemlich heiß. Unsere Anreise hatte fast einen Tag gedauert und so waren wir abends in unserem kleinen Hotelzimmer am Strand des Roten Meers wirklich erschöpft. Während sich Evi allerdings erstaunlich schnell akklimatisierte und sogar eben noch mit unseren Freunden ein Bier hatte trinken können, war ich buchstäblich gerädert. Ich fühlte mich fiebrig, konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten und hatte extreme Gleichgewichtsstörungen. Und plötzlich war wieder meine alte Panik da. Und diese wirre Orientierungslosigkeit, die ich schon längst überwunden glaubte. Wie sollte ich in diesem Zustand bloß meine Reisetasche auspacken, wie mich organisieren? Gelähmt stand ich vor unserem Bett. Das Badezimmer gleich nebenan kam mir kilometerweit entfernt vor. Plötzlich begann ich wie in meinen schwersten Depressionsphasen vor mich hin zu stottern, daß ich keine Ahnung hätte, wie es nur weitergehen sollte. Evi bemerkte meine Verfassung, bekam es selbst mit der Angst zu tun und versuchte mit ein paar Worten, mich zur Besinnung zu rufen, was nicht gelang. Die gesamte Panik, die ich vor fast acht Monaten in eben dieser Wüste endgültig hinter gelassen zu haben glaubte, hatte mich plötzlich wieder im Würgegriff. Als sei ich noch mal hierher gekommen, um mir meine Depression jetzt wieder abzuholen. Das durfte nicht wahr sein! „Leg dich hin“, hörte ich immer wieder in mir, „leg dich hin.“ Das tat ich schließlich auch. Kaum richtig ausgezogen, sank ich schwer wie Blei neben Evi aufs Bett.

In mir drehte sich alles. Bei geschlossenen Augen gafften mir die Fratzen meiner Ängste und meiner Verwirrtheit entgegen. Mein Herz raste.

„Hilfe“, dachte ich, „Hilfe bitte!“

Ich konnte deutlich erkennen, wie all diese Panik mein gesamtes Bewusstsein besetzt hielt. Alles was da war, war eine riesige finstere Wolkenmasse. Unter der ich winselte und zitterte.

Wiederholt hatte ich als kleiner Junge von dieser riesigen finsteren Wolkenmasse geträumt. Sie hatte sich vom Horizont her langsam, aber unaufhaltsam auf mich zugewälzt und hatte mich schließlich unter sich begraben. Eine Zeitlang hatte sich dieser Albtraum fast täglich wiederholt. Und jedes Mal war ich schreiend und schweißgebadet aufgewacht. Es hatte kein Entkommen gegeben.

Oft hatte ich auch in psychotherapeutischen Sitzungen diesen Angsttraum noch mal durchlebt und bearbeitet. Alle möglichen Erklärungskonzepte rankten sich mittlerweile um ihn herum. Das Erklärungskonzept des Ein Kurs in Wundern war ein ganz anderes. Kompromisslos wies der Kurs unentwegt darauf hin, dass alle Gefühle, die man erlebte, eigene Entscheidungen waren. Wenn ich also Angst erfuhr, hatte ich mich selbst dazu entschieden. Und nur ich selbst konnte deshalb auch eine solche Entscheidung jederzeit korrigieren.

Während ich so mit all meiner Panik steif und starr dalag, fielen mir einzelne Sätze aus Ein Kurs in Wundern ein. „Gott geht mit mir, wohin auch immer ich gehe“ ... „Ich werde von der Liebe Gottes erhalten“ ... „Ich bin das Licht der Welt“ ...

Diese Sätze waren wie kleine leuchtende Punkte in all der beklemmenden Finsternis, die mich umgab. Wie ein Ertrinkender hielt ich mich an diesen Sätzen fest. Plötzlich begann sich die Finsternis langsam zu drehen. Wie ein großes, tonnenschweres Rad. Verwundert konnte ich den ganzen Vorgang deutlich auf meiner inneren Leinwand betrachten. In meinem Geist war die Finsternis. In meinem Geist wurde es Licht. Und die Entscheidung dazu traf nur ich selbst. Immer mehr entspannte ich mich und schlief schließlich ein.

Als ich aufwachte, war es noch Nacht in dem Zimmer. Ich konnte mich wieder besser bewegen, tastete mich torkelnd zur Terrassentür und sah voll Dankbarkeit einen dunklen leeren Strand und das stille Rote Meer ...

Allmählich brach die Dämmerung herein. Es wurde heller und inmitten der Stille kam plötzlich ein kleiner Spatz auf ein Antennenkabel in meiner Nähe geschwirrt. Er hüpfte darauf herum und zwitscherte frech und fröhlich herüber.


 

Die alte Beduinin

 

Es war am Tag unserer Abreise aus dem Sinai. Hans-Jürgen und Maria, unsere befreundeten Reisebetreuer, eine Israelin in mittleren Jahren, die wir vor kurzem kennen gelernt hatten, und Evi und ich saßen in einem der mit Kissen ausgelegten Lümmel-Lager am Strand des Roten Meeres. Ich hatte gerade vor, aus dem Kurs in Wundern die Lektion vorzulesen: „Liebe ist der Weg, den ich in Dankbarkeit gehe.“

Da kam vom menschenleeren Strand aus eine alte Beduinin herangewackelt. Sobald wir sie bemerkten, fing sie aus nahezu zahnlosem Mund lauthals zu krächzen und Gott zu loben an. Dabei warf sie sich immer wieder in die Brust, öffnete weit nach oben die Arme und oft war ein „Allah!“ aus ihrem Wortschwall herauszuhören.

„Liebe ist der Weg, den ich in Dankbarkeit gehe.“ Mein Vorlesen war fürs erste beendet. Ungeniert und laut palavernd brach die alte Beduinin in unseren Kreis ein und breitete sich aus. Es war klar: Nicht sie kam zu uns, sondern wir waren ihre geduldeten Gäste. Die alte Beduinin begann, handgefertigte Kettchen, Armbänder und Ähnliches aus ihrem Sack zu packen und uns zu präsentieren, während sie sich vor uns auf den Boden hockte. Mir fiel der Schwung auf, mit dem sie ihren alten Körper in die hockende Position hinunter schaukelte. Ihr Redeschwall ging dabei ungebremst weiter. Zwischendrin immer wieder ein „Allah“ und ein Deuten oder ein Blick nach oben.

„Liebe ist der Weg, den ich in Dankbarkeit gehe.“ Mein Versuch, die alte Beduinin zu unterbrechen und das Geschäftemachen auf später zu verlegen wurde schnell zunichte gemacht. „Jetzt“, sagte Hans-Jürgen. „Ein Später gibt es für sie nicht.“

Also kaufte ein jeder von uns ein Kettchen oder ein Armband, und weil wir wohl einen guten Preis bezahlten, bekamen wir auch noch diverse Glücksbringer geschenkt. Dabei achtete die Alte auch sorgsam darauf, dass wir die Glücksbringer auch trugen. Dann schwang sie ihr Becken nach hinten-oben durch und streckte sich ächzend in die Senkrechte. Dabei drückte sie Gott-„Allah“ immer wieder krächzend ihr Dankeschön aus, segnete uns lauthals und machte sich davon.

"Liebe ist der Weg, den ich in Dankbarkeit gehe." 

lasen schließlich Maria und ich, abwechselnd in Englisch und Deutsch. Währenddessen kam das Meer vor uns ruhig herangerollt und Gott war spürbar da.


 

Der Freude-Knopf

 

Nach unserer Rückkehr gewannen zunehmend auch andere Schüler und Lehrer des Kurses für mich an Bedeutung und halfen, mein Verständnis zu vertiefen. Zum Beispiel Gary Renard und Kenneth Wapnick mit ihren Schriften und CDs. Das zentrale Werkzeug und Thema des Kurses, die Vergebung, erschließt sich einem in ihren Werken auf einfache, nachvollziehbare Weise.

Eine der Kernideen des Kurses ist die, dass wir uns aus eigener Entscheidung von Gott, oder unserer Quelle oder unserer Vollkommenheit getrennt haben. Und dass wir uns aufgrund dessen massivst schuldig fühlen. Überhaupt ist laut Kurs die Schuld der zentrale Treibstoff jener Instanz von uns, die die Erfahrung von Getrenntheit erst ermöglicht. Der Kurs nennt diese Instanz: das Ego. Den Teil von uns, der „Ich“ denkt und der sich damit zugleich auf einen Körper, auf dessen Erscheinung und dessen Erlebnisse und Erfahrungen begrenzt – im Gegensatz zu den Körpern Anderer, im Gegensatz zu deren Erscheinung und im Gegensatz zu deren Erlebnissen und Erfahrungen. Auch in anderen geistigen Traditionen wird diese Form des „Ich“ als einziges Hindernis für unser Glück bezeichnet. Im Buddhismus und auch in Advaita, der nicht-dualen Essenz der indischen Veden, wird dem Ego komplett jede Wirklichkeit abgesprochen.

Ebenso wie wir uns nun ein Ego und seine Schuldträume ohne weiters jederzeit „anziehen“ können, ist unsere Befreiung oder Erlösung daraus JEDERZEIT möglich. Wie? Sieh das massive Interesse deines Geistes daran, andere oder dich selbst oder beliebige Situationen (beispielsweise schlechtes Wetter, Krankheiten, Geldmangel, Untreue u.s.w.) für die Erfahrung schuldig zu sprechen, dass etwas zu fehlen scheint. Und entlasse dich und andere daraus. Vergib.

Wir konnten an unsere Albträume von Krankheit, Leiden, Tod, Trennung nur deshalb gebunden sein, weil wir ein Konstrukt erzeugt hatten, das uns eben daran bindet, nämlich das Ego. Die Instanz, die sagt, „Du bist schuld“ oder „Ich bin schuld“ oder „Ich bin besser“ oder „Du bist besser“. Eben solche Gedanken sind falsch, weil sie einfach nicht Gottes bedingungslose Liebe ausdrücken. Der/die/das Vollkommene hat nichts Unvollkommenes erschaffen. Weder wir noch unsere Nächsten sind unvollkommen. Das werden wir lediglich, wenn wir es glauben. Und JEDERZEIT lässt sich dieser Glaube korrigieren. Sieh dich und deinen Nächsten so vollkommen, wie Gott euch sieht, und der Spuk ist vorbei. Die Lebensfreude, frei von Bedingungen, ist wieder aktiviert. Man könnte auch sagen, wir drücken den Freude-Knopf.

Diesen Freude-Knopf können wir tatsächlich jederzeit drücken, unabhängig von unserer momentanen Situation. Wirkliche Lebensfreude ist von absolut gar nichts abhängig. Das Wissen darum haben wir lediglich tief in unserem Unbewussten vergraben.

Viel darüber wurde mir klar, als ich kürzlich im Fernsehen wieder einmal die Reaktionen von Zuschauern auf ein Tor der eigenen Mannschaft im Fußball sah. Vor dem „erlösenden“ Siegtor sahen die meisten so aus, als würden sie sich gleich einen Strick holen gehen. Die Stimmung war schwerst depressiv. Dann fiel das Tor und wie auf ein geheimes Kommando jubelten alle los und lagen sich auch schon freudestrahlend in den Armen. Sie hatte den Freude-Schalter gedrückt. Scheinbar ausgelöst durch das Tor, das im Fernsehgerät vor ihnen gefallen war. Wie schnell war die Stimmung umgeschlagen! Von „zu Tode betrübt“ zu „jubelnd vor Freude“.

Und genau dieser Stimmungswandel findet zuerst in unserem Geist statt. Wir machen gewohnheitsmäßig meistens äußere Ereignisse dafür verantwortlich und merken gar nicht, dass wir über das Potential dazu JEDERZEIT verfügen. In unserem Geist.


 

Üben

 

Ganz praktisch kam, ausgelöst durch meine täglichen Hsintao-Übungen, immer deutlicher mein Becken in mein Bewusstsein. Oft fiel mir dabei auch die Situation mit der alten Beduinin am Roten Meer ein und wie sie ihr Becken in die Hockposition hinunter- und wieder hinauf in die Aufrechte geschwungen hatte. Sie hatte ihr Becken manövriert, wie ein Kapitän sein Schiff auf den Wellen.

Je deutlicher ich merke, dass im Becken physisch gesehen mein Schwerpunkt liegt, und je mehr ich meinen Körper auch dementsprechend immer wieder neu seinen Schwerpunkt finden lasse, umso besser gelingt es mir, mich aus Jahrzehnte alten Fehlhaltungen zu befreien. Auch erlebe ich, wie das rhythmische Zusammenziehen und Wiederlösens des Beckenbodens wesentlich ist für die Aufrichtung des Körpers und das Halten des Gleichgewichts.

Meine Physiotherapeutin hatte mich schon vor Jahren auf die Wichtigkeit des Beckenbodens hingewiesen und mir entsprechende Übungen gezeigt, aber ich war so überschwemmt gewesen von meinen Krankheitsfixierungen, dass ich mich einfach nicht dazu hatte aufraffen können. Wobei es natürlich jederzeit möglich gewesen wäre.

Von zentraler Bedeutung, was jede mögliche Form des Übens betrifft, ist allerdings die  Bezogenheit auf das Göttliche, auf unseren geistigen Ursprung, auf unsere Quelle. Jeder hat dafür seine eigenen Worte. Das spielt keine Rolle. Was zählt, ist ein wie schwacher Glaube auch immer an eine wohlwollende Intelligenz, die mächtiger ist, als das eigene Ego. Es macht einen großen Unterschied, ob man, egal was man tut, diese Bezogenheit auf das Göttliche in sich spürt oder nicht.

Eine Möglichkeit, die Bezogenheit auf das Göttliche zu kultivieren, besteht darin, dass man Ihm - dieser Intelligenz, diesem Geisteslicht - das eigene Problem, die eigene Krankheit, die eigene Sorge gedanklich in die Hände legt. Das mag sehr ungewohnt erscheinen, zumal wenn man nicht an Gott glaubt, aber man könnte ja eine zeitlang mit dieser inneren Handlung experimentieren. Was passiert, wenn ich alles, was ich als unangenehm erfahre nicht länger mit mir allein ausmache, sondern es nach oben hin weggebe, sozusagen dem Himmel in die Hände? Wird dadurch etwas leichter?

Die Wirksamkeit dieser inneren Handlung habe ich in der Wüste als lebensrettend erlebt. Dadurch dass ich sie dort immer wieder praktizierte, ist sie mir mittlerweile zu einer Art mentalen Erste-Hilfe-Aktion geworden, die tatsächlich in jeder Situation und in jeder Verfassung anwendbar ist (siehe Kapitel "Der heilige Augenblick").

Wer weitergehen will, kann in diese Übergabe an das Göttliche immer mehr einbeziehen, auch das Positive und Wünschenswerte. Schließlich behält man nichts mehr für sich und gewinnt dadurch paradoxerweise alles. Den sagenhaften Frieden, der alles Verstehen übersteigt. Und allmählich stellt man verwundert fest, wie sich Probleme auf einfache Weise zu lösen beginnen.


 

Das innere Lächeln

 

„Die Wirklichkeit zu finden und in ihr zu ruhn, heißt ‚Wunder tun’.“

Ramana Maharshi

 

Vor wenigen Wochen begegnete mir erneut die Lehre des großen südindischen Weisen Ramana Maharshi und berührte mich diesmal sehr direkt. Durch ein Todes- und Erleuchtungserlebnis hatte Ramana noch als Junge die komplette Unwirklichkeit seines individuellen, von anderen getrennten Ichs erfahren. Ramana hatte diese erleuchtete Sicht nie mehr verlassen. Womit auch? Hatte er doch kein Ich zurückbehalten, das sich noch trennen wollte.

Von Ramana gibt es ein altes, bekanntes Foto. Es ist als schmunzelte Ramana auf diesem Foto zum einen über die komische Tragik aller Getrenntheits-Fantasien und als würde er zugleich innerlich in dem Friedenslichts baden, das wir in Wirklichkeit sind.

Eben dieses Friedenslicht drückt auch das erfüllte Lächeln von Ratziel Bander aus, wenn er auf  Hsintao-Seminaren mit geschlossenen Augen seine regenerativen Übungen vorführt.

„Das innere Lächeln“ ist auch eine altbekannte Qi Gong Übung. Sie stellt eine weitere Möglichkeit dar, zu der Erfahrung des Friedenslichts Zugang zu finden, wie ich es vor bald eineinhalb Jahren in der Wüste Sinai in all seiner Größe und Herrlichkeit erfahren durfte.  

Am besten kann dieses innere Lächeln entstehen, wenn man einen wirklich heilen Gedanken in sich bewegt und glaubt, z.B. den Gedanken „Alles ist gut“. Wie schwer das erscheinen kann, zumal wenn einem wirtschaftliche, soziale oder gesundheitliche Probleme gerade den Atem rauben, ist klar. Früher hätte ich selbst einen Satz wie „Alles ist gut“ oft als reinen Hohn empfunden, angesichts der schreienden Ungerechtigkeiten überall. Und doch drückt gerade ein solcher Satz die tiefe Wahrheit unserer Seele aus. Jenseits von allen Kämpfen und Anstrengungen. Und es steht jedem von uns jederzeit frei, in das Friedenslicht dieser Wahrheit hineinzusinken und darin heil und ganz zu sein.

Wenn Sie wollen, schließen Sie Ihre Augen, ruhen Sie ein paar Atemzüge lang aus und dann lassen Sie diesen Satz in Ihrem Geist aufgehen wie ein Licht:

„Alles ist gut“

Begleiten Sie das sich entfaltenden Lächeln mit ihrer Aufmerksamkeit und tauchen Sie mehr und mehr in sein Leuchten ein. Genießen Sie es, zuhause zu sein ...

 

Christoph Engen, aktualisiert Mai 2010